Ente 138 🦆

Aislinn Lacha bekommt Nachwuchs

Als wir aus Mannheim zurück kamen, ging ich auf die Terrasse. Neben mir ein Geräusch und dann schauten mich zwei Augen, ich denke vorwurfsvoll, an. Mir kam nur ein Gedanke. Ente????  Laut frage ich sie: »Hey was machst du denn hier. Du bist eine Ente! Lebst im oder am Wasser.« Sie schaute mich nur an und ich fühlte mich nicht wirklich geduldet auf meiner Terrasse. So stand ich hier, die Ente da. Ihr ganzer Körper einem Flugzeug gleich, was auf dem Runway steht und auf Startfreigabe wartet. Schnabel schon vorausreckend, die Flügel leicht angehoben, den Körper stromlinienförmig, das Fahrwerk sprungbereit.

Hm? Ich gebe ihr keine Freigabe. Soll sie doch selbst entscheiden. Ich zu ihr: »Mach was du willst, doch ich werd mich nicht verziehen« Ente schaut. Die Flügel gehen zurück in Parkposition. Der Kopf neigt sich ein wenig und sie schaut mich direkt an. Ich schaue an ihr lang und entdecke die kleine Mulde. Ist das ein Nest und das dort Eier? Ich verstehe gar nichts mehr. Wir einigen uns erst einmal auf Waffenstillstand. Ich gehe ins Internet und sie zurück auf ihr Nest. 

Das ich noch mal EntenvertretungsVater werden würde, hatte ich mir nicht vorgestellt. Was eine Verantwortung. Zumal die Belange von Entenbibbele nicht gerade mein Hauptgebiet. So viele Fragen. Wie kommen die runter? Ich lese, dass 10 Meter durchaus normal für die Kleinen. Ich hab hier an die 23. Wie kommen die dann zum Kanal? Dazu müssten sie durch den Hof und auch noch über die Straße. Ich informiere die Wildtierbeauftragten des NABU.

Zunächst beobachte ich das Geschehen. Die meiste Zeit scheint sie zu schlafen.

Jeden Abend bei Sonnenuntergang deckt die Ente die Eier sorgfältig zu. Danach verlässt sie das Nest. Oft steht sie noch auf dem Rand des Blumenkastens und schaut. Den Mond heult sie nicht an doch sicher wird sie kontrollieren, ob alles wie immer. Dann ist sie weg. Oh mein Gott, was mache ich jetzt? soll ich mich etwa um die Eier kümmern? Wo geht sie überhaupt hin? Genießt das Berliner Nachtleben und ich soll mich hier um alles kümmern? Ich bin empört.

Gegen Sonnenaufgang kommt sie dann zurück. Das ist doch einiges früher, als ich aufstehe. Jeden Morgen geh ich als erstes auf die Terrasse und begrüße sie zum neuen Tag. Nach drei Tagen ist ihr das so was von Wurscht. Öffnet nur mal kurz ein Auge – das war’s an Kommunikation. Ich meine, wenn wir das gemeinsam durchziehen, dann müssen wir doch ein wenig über die Zukunft reden. Ist das zu viel verlangt? Welchen Kindergarten, Schule, Studium? 

Dann war sie auch einmal nicht da. Was soll ich machen. Sie kommt den ganzen Tag nicht wieder. Ich habe eine unruhige Nacht. Kann ich die Babys alleine aufziehen? Sollte ich sie irgendwie wärmen? Nächsten Tag in der Früh – sofort nachsehen. Sie ist da. Mir fällt ein Stein vom Herzen, was ich ihr auch mitteile. Meine Entrüstung darüber hat sie wohl auch mitbekommen. Rabenmutter zu einer Ente zu sagen – scheint doch zu wirken. Sie lässt das Nest nicht mehr so lange alleine. Tags über ist sie meistens da. Wenn sie Nachts auf die Walz geht, sieht sie zu, dass ich das nicht bemerke. 

Wenn sie frisch im Nest angekommen ist, muss das erst einmal wieder hergerichtet werden. Die Temperaturen steigen und die Daunen in ihrem Gefieder mache ihr schon ein wenig zu schaffen. Was ist da besser, als sie sich auszurupfen und für das Nest zu benutzen. Nun nur noch eine gemütliche Position finden.

Den ganzen Tag nur rumzuliegen, mag für den Einen ein Ziel. Die Ente arrangiert sich damit auch die meiste Zeit. Doch ab und zu muss mal aufgeräumt werden.

Da werden Zweige neu umgeschichtet und eingebunden. Die Eier hin und her gekullert. Die Kücken würden sonst wohl Druckstellen bekommen – doch was weiß ich schon. Alles Grünzeug ist schon um das im Nest gerupft. Hm – ich geh runter auf die Wiese und hole neues Baumaterial.

Wir steh’n ja eigentlich ganz gut miteinander, doch das Eingreifen in ihr Bauprojekt hat sie dann doch etwas blümeriert. Entsetzt zieht sie sich kurz zurück. Zurück auf dem Nest, ignoriert sie mein mühsam beigebrachtes Material – fürerst.

ich werde ja von der Leihmutter meiner Bibbele nun nicht informiert, was sie so Nachts treibt. Ich hoffte, sie schlägt sich den Bauch voll. Doch immer öfter kommt es vor, dass sie an dem Busch herumzupft. Das ist doch doof. Zum Einen ist da wirklich nicht viel zu holen und außerdem verliert sie ihre Deckung. Ich gehe zu ihr hin und frage nach ihrem Begehr. OK – wie soll ich sagen – die Körpersprache von ihr zeigte etwas zwischen – sauer darüber erwischt worden zu sein und der Aussage, ich solle mich mal um lieber meinen eigenen Scheiß kümmern. Das wir schon so früh in der Erziehung so weit auseinander driften… 

Vom NABU bekomme ich nun einen Anruf. Sie bedanken sich sehr für die Erklärung der Situation. Dafür bekommt meine Ente gleich mal eine Nummer verpasst. Warum muss bei uns alles immer nummeriert werden? Könnten die nicht mal einfach nach dem Namen fragen? Ich geh raus zu Aislinn Lacha und teile ihr mit: »Du heißt jetzt 138!« Bei Ihr stößt das auf gar keine Reaktion. Ist ihr das vollkommen egal? OK – wenn ich ehrlich bin, schau ich auch auf ihren antepartualen Nachwuchs. Könnte sie auch als etwas Übergriffig deuten. Doch bin ich nicht voll eingebunden? Außerdem ist es nicht das erste nackte Ei was ich sehe.

Der NABU sieht ganz gute Chance, dass die Kleinen da runter kommen könnten. Also Lebend! Ich bin nicht ganz glücklich. Eine gute Nachricht welche sie mir noch mitteile ist die, dass sie vorbeikommen würden und die Ente samt Kinder einfangen würden im Hof. Für mich als Charlottenburger wäre dieses kostenfrei. Ich bin erstaunt. »Ich?« frage ich. Wenn sie irgendwas ausmachen wollen, dann reden sie mit der Mutter!

Ich fülle erst einmal die Regenrinne, damit sie nicht das Fallrohr runter gehen. Dann noch ein breites Brett als Absprungrampe. Wenn ich da runter schaue, ist mir gar nicht wohl. Nun noch ein Wassernapf und ein wenig Grünzeug zum Futtern. Mehr kann ich momentan nicht machen – oder mehr lässt die Mutter gar nicht zu.

Mittlerweile hockt sie um die 20 Stunden pro Tag auf dem Nest. Das bei dieser Wärme. Oft sitz sie auch da und macht so etwas wie Schnapp-Atmung. Reguliert das den Wärmehaushalt? Einem kann sie wirklich nicht widerstehen. Jungen leckeren Biozwergbananen. 

Ente in Birne – also wenn das jemand hört, stellt er sich sicher etwas anderes darunter vor. Doch wie sollte man diese Stillleben anders nennen?

Das Brutverhalten ändert sich. Ist sie vormals die Ganze Nacht weg, macht sie jetzt nur noch kurze Ausflüge (rt) bei Sonnenauf- und Untergang. Die Zeiten im Nest steigen kontinuierlich(gn). Der freudige Moment scheint näher zu kommen. Ich habe schon einen Korb und ein langes Seil organisiert. Mal sehen, ob den jungen der Fahrstuhl gefällt.

Für mich ist es da draußen um die Mittagszeit schon viel zu warm. Aislinn scheint auch nicht ganz konform mit dem Wetter. Ich vermute mal, sie träumt davon im neuen See zu schwimmen und ein wenig Entengrütze zu schnabulieren. Die Füße im kalten Wasser – ja das wär’s. Dem Nachwuchs solle es doch auch warm genug. Kann es sein, dass sie die Eier kühlt? Meine Unerfahrenheit macht rastlos. Ich hoffe, sie weiß was sie tut.

Bei ihren kurzen Ausflügen wird erst einmal das Nest abgedeckt. Dann geht es zu den Startvorbereitungen. Erst einmal ein kompletter Systemcheck. Wenn alles Grün gehts ans Ende des Runways. Nun nur noch warten auf die Freigabe – und los.

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