Wir streifen durch Berlin und kommen am Amerika Haus vorbei. Ein kurzer Blick und ein Schulterzucken – warum nicht?
In Deep Gold (2013) springt ein verzweifelter Liebender aus dem Fenster – aber anstatt sich wie jeder anständige Tragödienheld das Genick zu brechen, landet er natürlich in einem rauschhaften 1920er-Jahre-Nachtclub, bevölkert von dekadenten Kunstfiguren und jeder Menge weiblicher Selbstermächtigung. Julian Rosefeldt hat sich von Buñuels Skandalfilm L’Âge d’Or inspirieren lassen – weil Provokation nie aus der Mode kommt – und lässt seinen biederen Helden durch eine queere, feministisch aufgeladene Fantasiewelt stolpern, in der Otto Dix und George Grosz Pate stehen. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wer aus dem Fenster springt, landet nicht zwangsläufig im Abgrund – manchmal auch mitten in einem kunsttheoretischen Kommentar über Gender, Begehren und die Zwischenkriegszeit.
Klar ist hier nichts Original – oder es ist schon irgendwie Original, aber nicht so wie in der Gesellschaft Mitte gewünscht, gelebt, toleriert. Wenn es also so wäre, was ich nicht weiß, da ich nicht so verkehre…
Ist’s eventuell eine Offenlegung von Geheimnissen, die jeder weiß, es somit keine sind und doch unterm Teppich bleiben sollen. Nicht weil sie werden toleriert, sondern, weil nicht sein darf, was nicht sein kann.
So wird auch keiner fragen, wo denn der geistliche Vertreter eines höheren Wesens wohl gerade herkommet, was ihn da hingetrieben und was er da getrieben – oder?
Verkehrte Welt? Seltenst hörte ich davon, dass Frauen, abgewiesen von einem Türsteher, besuchen wollend solch ein Etablissement. Die Abgewiesenen noch in voller Robe und die Vorbeischreitenden eher weniger. Zuallerletzt der erstaunte Blick eines Mannes.
2.
In Meine Heimat ist ein düsteres, wolkenverhangenes Land (ja, so stimmungsvoll wie der Titel) erforscht Julian Rosefeldt den Begriff „Heimat“ – und zwar mit ordentlich Nebel, tiefgründigen Blicken in den Wald und einem Wald, der mal Idylle, mal Abgrund ist. Auf drei Bildschirmen starren melancholische Figuren in die Gegend, als wären sie gerade aus einem Caspar-David-Friedrich-Gemälde gestolpert, aber anstatt einfach nur romantisch zu sein, benehmen sie sich merkwürdig – weil normale Waldspaziergänge offenbar zu banal wären.
Auf einem vierten Bildschirm läuft ein Theaterstück zwischen Tannenzapfen und Opernglamour, damit wirklich niemand mehr weiß, wo oben und unten ist.
Zwischen Märchenzitaten und düsteren Geschichtsreferenzen, inklusive einer obligatorischen Portion Nationalsozialismus, wird der Wald dann endgültig zum Symbol-Multitool: mal Naturidylle, mal ideologischer Abgrund. Heimat also – irgendwo zwischen Waldboden, Wahnsinn und Wagner.
3.
Penumbra entführt uns in eine strahlende Zukunft – also strahlend im radioaktiv-verwüsteten Sinn. Nachdem die Menschheit es geschafft hat, nicht nur die Erde, sondern auch gleich ihren neuen Ersatzplaneten an die Wand zu fahren (Effizienz!), gleitet die Kamera in epischer Langsamkeit über trostlose Megacitys und staubige Ödnis – bis sie, Überraschung, auf eine künstliche Waldlichtung trifft, in der die letzten Überlebenden… raven. Genau: Nach dem Untergang erstmal ekstatisch abdancen, als gäbe es kein Morgen (gibt’s ja vielleicht auch nicht).
Untermalt wird das Ganze von Schumanns Faust-Vertonung, denn was wäre ein postapokalyptischer Technowald ohne ein bisschen Goethe? Natürlich geht’s auch hier um die ganz großen Themen: Fortschrittswahn, Kapitalismus, Kolonialismus und Umweltzerstörung – also alles, was man so braucht, wenn man beim Weltuntergang noch schnell ein bisschen Kultur tanken will.
Ich habe vergessen zu lesen, was denn dies Werk bedeutet und zu was es zugehörig. Ja – manchmal, oder sagen wir mal ziemlich oft um nicht zu sagen meistens, schau’ ich mir ein Kunstwerk an und denke mir dann irgendwas. Manchmal denke ich auch nicht, denke ich, und mir fällt einfach spontan was ein. So war es auch hier. Hogwarts im 70 Jahre Style.
4.
In der Fotoserie After Us zeigt Julian Rosefeldt, wie poetisch trostlos eine Wüste in Chile aussehen kann – natürlich nur, wenn man sich dabei vorstellt, dass die Menschheit längst ausgestorben ist. Zwischen Sand, Staub und Endzeitstimmung taucht plötzlich ein riesiges Coca-Cola-Logo auf, das aussieht wie ein verirrtes Land-Art-Projekt mit Werbevertrag.
Diese kapitalistischen Fossilien nennt man dann „Wasserzeichen der Erinnerung“, weil „Müll von früher“ offenbar nicht intellektuell genug klingt. Rosefeldt inszeniert das Ganze als visuelle Meditation über das Ende der Menschheit – oder als stylische Apokalypse mit Corporate Branding. Ganz großes Kino für alle, die sich gerne vorstellen, wie leer die Welt wäre… ohne uns.
5.
In Global Soap entlarvt Julian Rosefeldt das große Geheimnis der Menschheit: Seifenopern sind alle irgendwie gleich – Überraschung! Egal, ob sie aus Brasilien, Indien oder Timbuktu kommen, es geht immer um Liebe, Drama und Familienschnickschnack. Und das Ganze läuft dann über Jahre und Jahre, damit man auch ja genug Zeit hat, sich in den ewigen Wiederholungen zu verlieren. Rosefeldt zeigt also mit großem Ernst, dass egal wie verschieden Kulturen, Religionen oder Politik auch sein mögen – wenn es um das tägliche Fernsehdrama geht, sitzen wir alle im selben emotionalen Hamsterrad. Wie beruhigend!
6.
In Detonation Deutsch zeigen Julian Rosefeldt und Pierre Steinle, wie man deutsche Geschichte am besten erzählt: mit spektakulären Gebäudesprengungen! Statt gemütlicher Geschichten über Wiederaufbau und Wirtschaftswunder gibt’s hier ordentlich Knall und Rauch, wenn alte Häuser, Kirchen und Fabriken buchstäblich in die Luft gejagt werden – natürlich alle kontrolliert, versteht sich. Denn was wäre Deutschland ohne den schicken Abriss alter Erinnerungen, um Platz für die nächste stadtplanerische Utopie zu schaffen? Also, adieu Vergangenheit, hallo Sprengmeister-Ästhetik! So macht man Geschichtsunterricht heute: mit Bumm statt Brimborium.
Ich würd mal sagen – warten auf den Bus scheint vergebens.
7.
Steigen wir kurz die Treppe hinauf. Die C|O Berlin fördert junge Talente und hier nun sind ein paar Werke derer.
Florian van Roekel – How Terry likes His Coffee
Wenn ihr mich fragen würdet, würde ich höchstwahrscheinlich antworten, dass Terry gar kein Kaffee mag, denn ich seh ihn keinen trinken, noch irgendwas in seinem Leben zu genießen, es sei denn, der Künstler würde fragen und ich versuchte ihm zu schmeicheln.
In Tools for Conviviality verabschiedet sich Anna Ehrenstein vom klassischen „europäischen Blick“ – stattdessen gibt’s nun kollektive Recherche mit lokaler Beteiligung, ganz ohne kolonialen Beigeschmack (hoffentlich). In Dakar, wo kreative Nomad:innen wegen entspannter Visabestimmungen und kulturellem Flair stranden, tastet sie sich mit Kamera und guter Absicht an Mode, Heilkunst und Postkolonialismus heran. Statt Doku von oben gibt’s also jetzt Doku mit allen – oder zumindest mit einem besseren Gefühl dabei.
Mehr wie 32 sieht es auch nicht aus und eigentlich ohne Worte. Doch wenn ich das Setzen der Baseline von den soz. Medien richtig verstanden habe, tendiert das genau dahin.
Mehr brauche ich da nicht zuzufügen.









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